Autor: Techub-Auswahl und Übersetzung
Originaltitel: „Warum Tether sich weigert, die MiCA-Vorschriften einzuhalten“
Verfasser: Bradley Peak, Kolumnist von Cointelegraph
Übersetzung: J1N, Techub News
Hält sich Tether an die MiCA?
Mit der neuen EU-Verordnung für Krypto-Assets (Markets in Crypto-Assets, MiCA) unternimmt einer der größten Wirtschaftsräume der Welt einen bedeutenden Vorstoß, erstmals klare regionale Regeln für den Kryptomarkt zu schaffen – wobei Stablecoins im Fokus stehen.
Wer Stablecoins in der EU handeln möchte, muss als Emittent eine Reihe strenger Vorgaben erfüllen:
1. Eine Lizenz ist Pflicht
Um in Europa Stablecoins auszugeben, muss man eine vollständig zugelassene E-Geld-Institut (EMI) sein. Diese Lizenz benötigen auch traditionelle FinTech-Unternehmen, um digitale Geldbörsen oder Prepaid-Karten anzubieten. Der Prozess ist kostspielig und langwierig.
2. Der Großteil der Reserven muss bei europäischen Banken liegen
Dies ist einer der umstrittensten Punkte der MiCA. Emittenten müssen mindestens 60 % ihrer Reserven bei Banken innerhalb der EU halten. Dahinter steht der Gedanke, die Stabilität des Finanzsystems zu gewährleisten.
3. Volle Transparenz der Reserven ist vorgeschrieben
MiCA verlangt regelmäßige und detaillierte Offenlegungen. Emittenten müssen ein Whitepaper veröffentlichen und aktuelle Informationen zu ihren Reserven, Audits sowie betrieblichen Änderungen bereitstellen.
4. Nicht konforme Token werden vom Handel ausgeschlossen
Token, die die Vorgaben nicht erfüllen, dürfen nicht auf regulierten EU-Plattformen gehandelt werden. So hat Binance beispielsweise die USDT-Handelspaare für Nutzer im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bereits delistet. Andere Börsen ziehen nach.
Die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) hat zudem klargestellt, dass EU-Bürger USDT zwar weiterhin besitzen oder übertragen dürfen, es jedoch nicht öffentlich angeboten oder an offiziellen Handelsplätzen gelistet werden darf. USDT kann also weiterhin in Ihrer Wallet liegen, der Handel sollte aber nicht über regulierte Plattformen abgewickelt werden.
Warum Tether sich weigert, MiCA zu befolgen
Tether hat eine eigene Sicht auf die MiCA-Vorschriften. Führungskräfte wie CEO Paolo Ardoino erklären, warum das Unternehmen nicht bereit ist, mit diesen Regeln zu kooperieren. Ihrer Ansicht nach weisen die Vorschriften gravierende Mängel auf – insbesondere in Bezug auf finanzielle Risiken, Datenschutz und die eigentliche Zielgruppe von Stablecoins.
Bankvorschriften könnten kontraproduktiv sein

Zur MiCA-Forderung, dass Emittenten mindestens 60 % ihrer Reserven bei europäischen Banken halten müssen, warnt Paolo Ardoino vor neuen Risiken: Eine zu große Abhängigkeit von traditionellen Banken könnte das gesamte System sogar anfälliger machen.
Im Falle einer massiven Rückzahlungswelle könnten diese Banken nämlich möglicherweise nicht über ausreichend Liquidität verfügen – was gleichzeitig zu Bankenproblemen und einer Stablecoin-Krise führen würde.
Stattdessen bevorzugt Tether, den Großteil seiner Reserven in US-Staatsanleihen zu halten – liquide, risikoarme Vermögenswerte, die bei Bedarf einfach und schnell eingelöst werden können.
2. Misstrauen gegenüber dem digitalen Euro
Tether hegt zudem grundsätzliche Zweifel an der europäischen Entwicklung – insbesondere am digitalen Euro. Ardoino kritisierte das Projekt öffentlich und warnte vor dessen Datenschutzrisiken.
Seiner Ansicht nach könnten zentral gesteuerte digitale Währungen genutzt werden, um das Ausgabeverhalten der Menschen zu verfolgen – oder sogar Transaktionen zu kontrollieren oder einzuschränken, sobald jemand das System nicht mehr akzeptiert.
Auch Datenschutzaktivisten äußern ähnliche Bedenken. Obwohl die Europäische Zentralbank betont, dass der Datenschutz oberste Priorität habe (beispielsweise durch Offline-Zahlungen), teilt Tether diese Einschätzung nicht. Aus Sicht des Unternehmens wäre es ein schwerer Fehler, so viel finanzielle Macht einer einzigen Institution zu übertragen.
3. Tethers Nutzer sitzen nicht in Brüssel, sondern in Brasilien, der Türkei und Nigeria
Im Kern sieht sich Tether als Lebensader für Menschen in Ländern mit hoher Inflation, instabilen Bankensystemen und eingeschränktem Zugang zum US-Dollar.
In Ländern wie der Türkei, Argentinien und Nigeria ist USDT oft nützlicher als die jeweilige Landeswährung.
Die zahlreichen Lizenzbeschränkungen und Reservenanforderungen der MiCA würden Tether zwingen, seine strategische Ausrichtung zu ändern und enorme Investitionen zu tätigen, um speziell EU-weite Standards zu erfüllen. Tether erklärt, dies nicht tun zu wollen – allerdings nicht auf Kosten jener Märkte, die USDT und ähnliche Finanzinstrumente seiner Meinung nach am dringendsten benötigen.
„Die Türkei gehört zu den Ländern mit der höchsten Krypto-Adoption weltweit: 16 % der Bevölkerung nehmen an Krypto-Aktivitäten teil. Diese hohe Verbreitung ist weitgehend auf die Abwertung der türkischen Lira und die wirtschaftliche Instabilität zurückzuführen, die Bürger dazu bewegen, nach Alternativen wie Stablecoins zu suchen, um ihre Kaufkraft zu erhalten.“
Was bedeutet Tethers MiCA-Verweigerung?
Tethers Entscheidung, sich nicht an MiCA zu halten, bleibt nicht ohne Folgen. Sie wirkt sich bereits konkret auf europäische Börsen und Nutzer aus.
1. Börsen verabschieden sich von USDT
Große Player wie Binance und Kraken haben bereits reagiert. Um den EU-Aufsichtsbehörden zu genügen, haben sie die USDT-Handelspaare für Nutzer im Europäischen Wirtschaftsraum delistet. Binance entfernte diese Paare Ende März 2025; Kraken zog kurz darauf nach – und strich nicht nur USDT, sondern auch andere nicht konforme Stablecoins wie EURT und PayPals PYUSD.
2. Die Auswahl für Nutzer schrumpft
Wer in Europa USDT hält, kann diese auf einigen Plattformen noch auszahlen oder umtauschen. Der Handel mit dem Stablecoin an großen Börsen ist jedoch nicht mehr möglich. Das hat viele Nutzer bereits dazu gebracht, vollständig auf MiCA-konforme Alternativen wie USDC und EURC umzusteigen.
Selbst führende europäische Krypto-Zahlungsgateways stellen derzeit ihre Unterstützung für USDT ein. Für Nutzer schrumpft damit die Auswahl an direkten Kryptozahlungsmöglichkeiten weiter.
3. Droht ein Liquiditätsproblem? Möglicherweise.
Das Verschwinden von USDT von europäischen Börsen könnte die Märkte instabiler machen. Ein Rückgang der Liquidität, größere Spreads und erhöhte Volatilität bei starken Kursbewegungen wären die Folge. Einige Trader werden sich schnell anpassen – andere hingegen nicht.
„Tether (USDT) ist die weltweit am häufigsten gehandelte Kryptowährung – ihr tägliches Handelsvolumen übersteigt sogar das von Bitcoin. Im Jahr 2024 wurden Transaktionen im Wert von über 20,6 Billionen US-Dollar abgewickelt, bei weltweit mehr als 400 Millionen Nutzern.“
Tether und die MiCA-Regulierung
Auch wenn Tether mit der EU nicht auf einer Linie liegt, bleibt das Unternehmen nicht untätig. Stattdessen verstärkt es seine Aktivitäten in anderen Bereichen – auf der Suche nach günstigeren Rahmenbedingungen und neuen Horizonten.
Nach Erhalt einer Lizenz als Anbieter digitaler Vermögenswerte verlagerte Tether seinen Hauptsitz zunächst nach El Salvador – vor allem, weil das Land Kryptowährungen uneingeschränkt akzeptiert.
Darüber hinaus investiert Tether nach einem Gewinn von über 5 Milliarden US-Dollar im Frühjahr 2024 Kapital in operative Geschäftsfelder:
Künstliche Intelligenz: Über seine Risikokapitalabteilung Tether Evo hat das Unternehmen Beteiligungen an Unternehmen wie der Northern Data Group und Blackrock Neurotech erworben. Außerdem lancierte Tether die Plattform „Tether AI“ – eine quelloffene, dezentrale KI-Plattform, die auf jedem Gerät ohne zentrale Server oder API-Schlüssel läuft. Ziel ist es, die operative Effizienz durch KI zu steigern und dabei potenziell neue Tools zu entwickeln.
Infrastruktur und Agrartechnologie: Tether investierte in Adecoagro, ein Unternehmen mit Fokus auf nachhaltige Landwirtschaft und erneuerbare Energien. Diese Entscheidung mag überraschen, passt aber zum umfassenden strategischen Ziel von Tether, resiliente Systeme in der realen Welt zu stärken.
Medien und andere Bereiche: Es gibt zudem Hinweise darauf, dass Tether auch im Content- und Kommunikationsbereich Fuß fassen möchte – ein deutliches Zeichen dafür, dass seine Ambitionen weit über den Kryptosektor hinausreichen.
Der Rückzug von Tether offenbart das globale Regulierungschaos im Kryptobereich
Der Rückzug von Tether aus dem MiCA-Regime ist nur ein Symptom eines größeren Problems: Wie schwierig es ist, ein Unternehmen in einer Welt aufzubauen, in der jede Rechtsordnung ihre eigenen Regeln setzt.
Das klassische Spiel der Regulierungsarbitrage
Dies ist nicht das erste Mal, dass Tether regulatorische Schwierigkeiten hat. Wie viele Krypto-Unternehmen beherrscht auch Tether die Kunst der Regulierungsarbitrage: Immer wieder sucht es sich die kryptofreundlichste Rechtsordnung und etabliert dort seine Geschäftstätigkeit.
Europa erlässt strenge Vorschriften? Gut – dann wählt Tether eben El Salvador, wo Kryptowährungen mit offenen Armen empfangen werden.
Doch das wirft Fragen auf: Wenn große Unternehmen problemlos zwischen Rechtsordnungen wechseln können, um Regulierung zu umgehen, wie effektiv sind diese Regeln dann? Schützen sie tatsächlich Kleinanleger – oder verwirren sie diese eher?
Eine fragmentierte Kryptowelt
Das größere Problem ist jedoch die extreme Fragmentierung des globalen Regulierungsumfelds. Europa strebt vollständige Konformität, Transparenz und Reservenaufsicht an. Die USA senden hingegen widersprüchliche Signale. Auch Asien ist gespalten: Hongkong unterstützt Kryptowährungen, während China auf Distanz geht.
Hongkong verabschiedete zudem ein „Stablecoin-Gesetz“, das Lizenzen für staatlich unterstützte Stablecoin-Emittenten vergibt und die Entwicklung seines Web3-Ökosystems vorantreibt. Gleichzeitig umarmt Lateinamerika Kryptowährungen aktiv als Instrument zur Verbesserung des Finanzzugangs.
Für Unternehmen ist das schlicht chaotisch: Man kann nicht einfach für einen einzigen globalen Markt entwickeln – stattdessen muss man sich ständig anpassen, neu aufstellen oder ganz aussteigen. Für Nutzer entstehen dadurch enorme Hürden: Eine Kryptowährung, die in einem Land nutzbar ist, kann im Nachbarland aufgrund lokaler Politik bereits unzugänglich sein.
Abschließend lässt sich sagen: Tethers Widerstand gegen MiCA scheint nicht bloß ein Protest gegen Bürokratie zu sein. Es ist vielmehr eine Wette darauf, dass die Zukunft der Kryptowährungen außerhalb Brüssels entstehen wird – getrieben von freien Märkten und dezentraler Innovation, nicht von Regulierungsbehörden.
